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Volkslied
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Das Volkslied ist ein Lied, das die weitestmĂśgliche Verbreitung in einer sozialen Gruppe und durch diese findet. Volkslieder lassen sich nach musikalischen, sprachlichen, gesellschaftlichen und historischen Merkmalen unterscheiden. Gemeinsame Sprache, Kultur und Traditionen kennzeichnen sie. Regionale Varianten bei Text und Melodie sind mĂśglich.
Contents
⢠Begriff
⢠Volksliedtitel
⢠SchÜpferfrage
⢠Kennzeichen
⢠Musikpraxis
⢠Deutschlandlied
⢠Siehe auch
⢠Literatur
⢠Weblinks
⢠Einzelnachweise
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Begriff
Johann Gottfried Herder prägte 1773 den Begriff Volkslied und fĂźhrte ihn in die deutsche Sprache ein. In einem Briefwechsel Ăźber OĂian und die Lieder alter VĂślkercite-ref-1[1] wird der Begriff erstmals von ihm verwendet, in Ăźbersetzender Anlehnung an Thomas Percyscite-ref-2[2] popular song. Der Begriff Volkslied hatte zunächst einen weiteren Bedeutungsumfang als heute. Er bezeichnete nicht nur die lyrische Gattung, deren Kennzeichen leichte Sangbarkeit, Herkunft aus dem Volk und Anonymität sind, sondern meinte vor allem eine damals neue, volksnahe Auffassung von lyrischer Dichtung generell, die sich gegen die KĂźnstlichkeit der Poesie im Zeitalter des Barock und Rokoko absetzte, welche auf gelehrtem Wissen und verfeinerter Bildung beruhte. Poesie sei vielmehr gĂśttlichen Ursprungs, nach Hamann âdie Muttersprache des menschlichen Geschlechtsâ, welche sich durch natĂźrliche Unmittelbarkeit äuĂere.
Volkslieder behandeln Ăźberwiegend konkrete, wiederkehrende oder alltägliche Situationen, Begebenheiten und Stimmungen des täglichen Lebens. Dabei kann sich die Lyrik von der âgewĂśhnlichen und rauen Wirklichkeitâ, von Freude und Frohsinn, Liebe und Tod, Abschied und Reise, Fremde und Sehnsucht entfernen und sich in einer idealisierten Art und Form zeigen, zum Beispiel bei der Darstellung idyllischer Naturbilder oder einer tragischen Liebe zwischen Prinz und Prinzessin. Volkslieder kĂśnnen unterschiedliche Funktionen erfĂźllen â etwa in Form des Arbeitsliedes (die Arbeit begleitend) oder Ständeliedes (Arbeitsbereiche oder Berufe charakterisierend) oder Hochzeitsliedes (etwa Braut und Bräutigam beglĂźckwĂźnschend oder auf den âheiligen Bundâ moralisch hinweisend).
Die zahlreichen âGattungenâ spiegeln das inhaltliche und thematische Spektrum: Liebes-, Hochzeits-, Trink-, Kinder- und Wiegenlied, Geburtstagslied, Arbeits-, Tanz-, Arbeiter-, Studenten-, Soldaten- und Seemannslieder; ferner berufsständische, an religiĂśsen Festen orientierte Lieder, Heimat-, Fahrten-, Jagd- und Wanderlieder, Almlieder, KĂźchenlieder, an Tageszeiten orientierte Morgen- und Abendlieder, Jahreszeiten-, Abschiedslieder, Scherz- und Spottlieder. Das traditionelle Lied erzählenden Inhalts in dramatischer Darstellungsform ist die Volksballade.
Abzugrenzen ist das Volkslied von der volkstßmlichen Musik, die ßberwiegend in die Kategorie Schlager fällt.
Volkslied als Volksmusik
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Hauptartikel
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Volksmusik
Volksmusik ist ein Sammelbegriff, der nicht auf eine konkrete Musikform, sondern auf eine Musikpraxis innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Kontexte weist. Auch kann kaum von abgrenzbaren Stilistiken innerhalb der Volksmusik gesprochen werden, sondern eher von Typiken, da Volksmusik keinen diskurshaften Normierungen und keiner schriftlichen Fixierung unterliegt, wie etwa die abendländische Kunstmusik. FĂźr Johann Gottfried Herder stand der literarisch-poetologische Aspekt im Vordergrund der von ihm gesammelten Lieder und Gedichte zum Teil bekannter Autoren, die er oftmals ohne Namensnennung unter dem Titel âVolksliederâ 1778 verĂśffentlichte. Als âVolksgesangâ bezeichnete Georg Gottfried Gervinus das Vortragen vorwiegend durch Laien aus der lokalen BevĂślkerung.cite-ref-3[3]
Eine eindeutige, klar abzugrenzende Fassung der Begrifflichkeiten âVolksmusik/Volksliedâ ist schwierig. Volksmusik ist heute ein weitgehend historischer Begriff und kann nur eingeschränkt fĂźr die gegenwärtige Musikpraxis gelten. Eine Faustregel besagt, dass Volksmusiktraditionen jeweils da noch am lebendigsten sind, wo ein gewisser Abstand zu modernen technologischen und wirtschaftlichen Strukturen herrscht. Das sind und waren Ăźberwiegend ländliche Gebiete. In Europa betrifft das Regionen, die als die Peripherien zum hochentwickelten, zum Teil hochindustrialisierten Kernland gelten kĂśnnen, wie etwa Teile Osteuropas. In Deutschland nimmt eine gewisse Ausnahmestellung diesbezĂźglich der sĂźddeutsche und alpenländische Raum ein.
Nach einer historischen Definition von Hugo Riemann 1882 ist ein Volkslied âein Lied, das im Volk entstanden ist (d. h. dessen Dichter und Komponist nicht mehr bekannt sind), oder eins, das in Volksmund Ăźbergegangen ist, oder endlich eins, das âvolksmäĂigâ, d. h. schlicht und leichtfaĂlich in Melodie und Harmonie, komponiert istâ.cite-ref-4[4] Nach Alfred GĂśtze ist ein Volkslied ein Lied, das âim Gesang der Unterschicht eines Kulturvolks in längerer gedächtnismäĂiger Ăberlieferung und in seinem Stil derart eingebĂźrgert ist oder war, dass, wer es singt, vom individuellen Anrecht eines Urhebers an Wort und Weise nichts empfindet.âcite-ref-5[5] Eine moderne Definition von Tom Kannmacher lautet: âVolkslieder sind im Gedächtnis der Mitglieder einer soziologischen Gruppe allgegenwärtige Medien, die den StrĂśmungen von Tradition, Kulturepochen, Herrschaftsverhältnissen unterworfen sind und somit nie feste Formen annehmen, die man dokumentarisch oder materiell fassen kĂśnnteâ.cite-ref-6[6]
Der gegenwärtig in vielen Medien verbreitete Begriff von âVolksmusikâ gilt im Grunde nur noch als Sparte der Musikindustrie und Medienwelt und zeigt irreale häusliche und ländliche Idyllen auf Ton- und Bildträgern sowie im Fernsehen. Die so medial vermittelten, choreographierten und Ăźberstilisierten Darbietungen lassen sich nur schwer von anderen medial vermittelten Musiksparten stichhaltig unterscheiden. Ansatzpunkte fĂźr Unterscheidungen wären hĂśchstens, dass verschiedene Zielgruppen anvisiert werden und sich verschiedene optische und âsoundbezogeneâ Merkmale zeigen. Gerade im letzteren Fall verwischen aber die Grenzen zwischen dem, was gemeinhin als Volksmusik, Schlager, Pop und Rock gilt. Das gilt dann genauso fĂźr die durch AV-Medien vermittelte âVolksmusikâ anderer Länder, wofĂźr die noch jĂźngere markttechnische Bezeichnung âWeltmusikâ gefunden wurde â hier liegt die Indifferenz schon im Begriff selbst.
Volksliedtitel
Eine unikate Text-Musik-Bindung bei Volksliedern gibt es nicht. Seit dem 19. Jahrhundert kann man aber auf einen gewissermaĂen âgefestigtenâ Volksliedstamm verweisen, der sich in den gedruckten Liedersammlungen repräsentiert. Aber auch hier gibt es Schwierigkeiten. Einerseits was den Text angeht, andererseits â daraus resultierend â welchen Titel das Lied nun trägt. Dazu kommt, dass Volkslieder aus der Volkssprache entstehen und somit natĂźrlich auch dialektgebunden sind. FĂźr ihre weitere Verbreitung durch gedruckte Sammlungen, wurden sie dann teils auch ins Hochdeutsche oder andere Hochsprachen Ăźbersetzt.
In Liedersammlungen kann man häufig beobachten, dass Volkslieder keinen festen Titel haben. So wird der Liedtitel oft schlicht aus dem Beginn des ersten Verses gebildet: z. B.: âJetzt kommen die lustigen Tageâ. Das Lied mit dem Beginn âIch weiĂ nicht, was soll es bedeutenâ ist hingegen mit diesem ersten Vers als Titel sowie als Die Lorelei bekannt. So haben Liedersammlungen zuweilen auch zwei Inhaltsverzeichnisse: Eines nach Liedanfängen und eines nach Titeln. Liedanfang und Titel kĂśnnen sich decken, mĂźssen dies aber nicht.
SchĂśpferfrage
Auf die Frage, wer die Texte und Melodien von Volksliedern hervorbringt, ist aus volkskundlicher Sicht keine endgĂźltige Antwort mĂśglich. Dadurch, dass Volksmusik zunächst durch fortwährende gesangliche Tradition, das heiĂt Ăźber GehĂśr und Nachahmung weitergegeben wurde, befand sie sich in einem steten Prozess der Variation und NeuschĂśpfung. Wichtiger als die Ursprungsfrage erscheinen etwa Brauncite-ref-7[7] daher die Aufnahme und Weiterverbreitung und damit die Enkulturation oder Einbettung in die eine jeweilige Gemeinschaft betreffenden kulturellen Ausdrucksformen. Dabei kann eine Ursprungsmelodie durchaus eine aus der Musik des BĂźrgertums sein, z. B. eine einprägsame Operettenmelodie. BĂŠla BartĂłk hat so etwas bei seinen ausgedehnten Forschungencite-ref-bbuv-8-0[8] Ăźber das ungarische Volkslied festgestellt und spricht hier von Nachahmungstrieben, die einem sehnsĂźchtigen Aufschauen zur Kultur gesellschaftlich hĂśherstehender Schichten zuzuschreiben sei.
Kennzeichen
Im Laufe der Sammlung und der Erforschung von Volksliederncite-ref-9[9] wurden folgende Merkmale des Volkslieds herausgestellt:
⢠seine Herkunft aus dem Volk als einer durch Merkmale wie Muttersprache, Herkunft und kultureller Identität geprägten Volksgruppe;
⢠damit verbunden die Anonymität seiner SchÜpfer, ein Werkbegriff wie beim Kunstlied ist unangemessen;
⢠seine leichte Sangbarkeit befÜrdert Gemeinschaften eher als Vereinzelung;
⢠seiner weiten Verbreitung â durch zunächst mĂźndliche Tradierung entstanden â entspricht
⢠seine Variabilität durch âUmsingenâ hinsichtlich Text und Melodie, wie Form und Gestalt nach kulturell oder regional typischen Ausprägungen.
Musikpraxis
In seinen innermusikalischen Merkmalen lässt sich das Volkslied als Substrat oder bewahrte Urform des Kunstliedes betrachten. Fßr die Bezeichnung Substrat spricht der obengenannte Anstoà durch die Kunstmusik. Fßr die Bezeichnung Urform spricht, dass das Volkslied zumeist in seiner tonalen Sprache und Formgebung ein Stadium zeigt, welches die Kunstmusik zu einem jeweiligen Zeitpunkt bereits ßberdauert hat. Dies zeigt sich etwa in
⢠Skalen geringen Tonvorrates (Pentatonik oder geringer),
⢠vor allem in Liedern ein geringer Ambitus
⢠simple Melodiezeilenform oder gar eine
⢠in metrisch/rhythmischer Hinsicht freie Gestaltung. Darin ist das Volkslied aber als Vortragskunst Ausdruck einer gesellschaftlichen Gruppe und ihres fßr einen Zeitpunkt und sozialer Entwicklungsstufe kennzeichnenden lyrischen und musikalischen Horizontes und Kommunikationsbedßrfnisses.
Abgrenzung zum Kunstlied
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Hauptartikel
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Kunstlied
Das Volkslied lässt sich dahingehend zum Kunstlied abgrenzen, dass eine unikate Text-Musik-Bindung nicht zwingend ist. Feldforschungen von Musikethnologen wie auch Aufzeichnungen von Komponisten haben erwiesen, dass bereits gehĂśrte Melodien mit verschiedenen Texten auftauchen, die auch thematisch grundverschieden sein kĂśnnen. Ebenso sind die Singgewohnheiten situationsabhängig oder abhängig vom jeweiligen VermĂśgen des Sängers. Auch im Formempfinden gibt es groĂe Variabilität; häufig abweichend von dem, was wir als durchkomponiertes Kunstlied kennen. Der Vortrag eines Liedes kann bereits beim unmittelbar wiederholten Singen stark von der âersten Versionâ abweichen, bleibt im Sinne des Vortragenden aber dasselbe Lied. Andererseits werden auch bloĂe Perspektivenwechsel in der Erzählstruktur eines Liedes (-textes), bei nahezu gleichbleibendem musikalischen Material und musikalischer Formung vom Vortragenden mitunter als verschiedene Lieder angesehen.cite-ref-10[10] Auch ein âUmsingenâ, den stimmlichen MĂśglichkeiten eines Sängers/-in entsprechend, ist vielfach beobachtet worden (Oktavversetzung, wenn ein Ton in HĂśhe oder Tiefe nicht erreicht wird).
Gegenseitige Beeinflussung
Auch gegenseitige Beeinflussungen, Emigration sind auszumachen. Innerhalb Europas lassen sich aber Parallelen in der Musik geographisch getrennt liegender VÜlker feststellen. Das betrifft vor allem tonräumliche und formale Gestaltungsweisen.cite-ref-11[11] In den Volksmusikforschungen Bartókscite-ref-bbuv-8-1[8] ist dieses Phänomen ein zentrales Ergebnis.
Nationale und staatengebundene Besitzansprßche an Volksmusik, gar mit qualitativen Hervorhebungen oder Reinheitsansprßchen, sind somit absurd. Die unten erwähnte Wanderung einer Melodie durch verschiedene Regionen und ihre Wandelungen vom Volkslied zum Thema eines Streichquartettsatzes von Haydn und weiter zur Deutschen Nationalhymne ist beredtes Beispiel dafßr.
Forschungsgeschichte
Bereits in den Anfängen der Germanistik beschäftigten Wissenschaftler sich mit dem Sammeln von Volksmärchen und Volksliedern. Schwieriger ist es bei der musikalischen Ăberlieferung. Dass heute historische Volksmusik zugänglich ist, ist vor allem der Musikethnologie zu verdanken. Dieser Strang der Musikwissenschaft ist noch relativ jung und fand seine erste BlĂźtezeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Forscher wie BĂŠla VikĂĄr, ZoltĂĄn KodĂĄly, BĂŠla BartĂłk, Erich von Hornbostel, Constantin BrÄiloiu, um nur einige zu nennen, waren die ersten, welche mit wissenschaftlichem Anspruch bemĂźht waren, Musik dem Volk direkt âabzulauschenâ. DafĂźr standen ihnen bereits auch technische MĂśglichkeiten, wie etwa der Edison-Phonograph (nach Thomas Alva Edison), zur VerfĂźgung. Aber auch viele Komponisten fertigten Aufzeichnungen direkt im Volke an. Man weiĂ das z. B. von Modest Mussorgsky, Ralph Vaughan Williams, Nikolai Rimski-Korsakow oder Percy Grainger. Was dann vorliegt ist ein Notentext, der die zugehĂśrige Musikpraxis nur noch erahnen lässt.
Aus der frĂźheren Geschichte lässt sich nur sehr bruchstĂźckhaft auf die jeweilige Volksmusik schlieĂen. Aus nachvollziehbaren GrĂźnden sind Aufzeichnungen rar: im Volk hat es keiner gemacht und unter Gelehrten bestand wohl kaum ein Interesse. Man kann aber annehmen, dass vor allem im Mittelalter die Grenzen zwischen Volksmusik und âHochkulturâ, was im Wesentlichen die kirchliche Musik war, auch noch recht flieĂend waren. So wurde z. B. wohl immer auch ein Teil der im kirchlichen Rahmen gehĂśrten Musik sozusagen âmit nach drauĂenâ genommen und dann frei â und vor allem volkssprachlich â umtextiert, umgesungen. Und das auch in frecher und verhĂśhnender Weise. So ist uns sogar auch einiges, wenn zumeist auch ânurâ Texte, in Quellen wie dem Lochamer-Liederbuch, der Jenaer Liederhandschrift oder den Carmina Burana erhalten geblieben. Was die Musikpraxis angeht, kann man jedoch nur aus bildlichen Darstellungen SchlĂźsse ziehen, vor allem auf die Verwendung von Instrumenten, die aus der liturgischen Musikpraxis weitgehend ausgeschlossen waren (insbesondere Blasinstrumente). Recht berĂźhmt ist auch der Reisebericht des Giraldus Cambrensis (1147â1223), der von volksläufigen Musizierpraxen in Irland und Wales erzählt.
Romantik und 20. Jahrhundert
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Hauptartikel
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Deutsches Volkslied
Deutschlandlied
Manchmal gehen die Volkslied-Melodien in andere Musikgattungen Ăźber. So wird aus dem altbĂśhmischen Prozessionslied Ubi est spes mea? (âWo ist meine Hoffnung?â) zunächst im 16. Jahrhundert der Choral Mein lieber Herr ich preise dich!. Gut 200 Jahre später formte Joseph Haydn 1797 hieraus die Melodie zur Ăśsterreichischen Kaiserhymne Gott erhalte Franz, den Kaiser. Haydn selbst lĂśst diese Melodie wieder vom Text und macht sie zum Zentrum des âKaiserquartettsâ (op. 76 Nr. 3). Ferner taucht die Melodie in Varianten und mit wechselndem Text im kroatischen Raum als Volkslied auf. Ob es hier Wechselbeziehungen zwischen Haydn und der Volksmelodie gab â und wenn ja, welcher Art sie waren â ist unklar. 1841 dichtete Hoffmann von Fallersleben zu Haydns Melodie die Verse des Deutschlandliedes. Seit 1922 wird es offiziell als deutsche Nationalhymne verwendet. Aus dem alten bĂśhmischen Prozessionslied heraus hat sich ebenfalls der weit bekannte deutsche Kanon O wie wohl ist mir am Abend entwickelt.cite-ref-12[12]cite-ref-13[13]
Volksliedforscher und Volksliedkompilatoren
⢠Paul Arma
⢠BÊla Bartók
⢠Albert Brosch
⢠Walter Deutsch
⢠Tumasch Dolf
⢠Ernst Duis
⢠Ludwig Erk
⢠Wastl Fanderl
⢠Sepp Gregor
⢠Otto Holzapfel
⢠Ernst Klusen
⢠Zoltån Kodåly
⢠Hermann Krome
⢠John Meier
⢠Felix Petyrek
⢠Tobias Reiser
⢠Erich Seemann
⢠Wolfgang Suppan
⢠Alfred VÜlkel
⢠Otto von Greyerz
⢠Walter Wiora
⢠Erwin Zachmeier
⢠Viktor Zack
Volksliedsammlungen
Mit Herder begann auch das sogenannte âzweite Daseinâ des Volksliedes, das nun in Volksliedsammlungen niedergeschrieben und damit kodifiziert wurde. Diese Ăźberwiegend mit Texten ohne musikalische Notation wiedergebenden Sammlungen kĂśnnen heute vor allem literatur- und gesellschaftswissenschaftliche Interessen bedienen, aber genauso als Quelle der Volksmusikpflege gelten. Die ersten Volksliedsammlungen entsprachen der romantischen Idealisierung. Erst im 20. Jahrhundert wurde damit begonnen, die Sammlung von Volksliedern auf Grund wissenschaftlicher Kriterien anzulegen. Einen interessanten Sonderfall bieten handschriftliche Liedaufzeichnungen. Eine Analyse von 65 Handschriften aus dem 19. Jahrhundert (Sammlung John Meier, Deutsches Volksliedarchiv Freiburg) verdeutlicht verschiedene Funktionen von Liedern und Liedsammlungen.cite-ref-14[14] Die Liedhandschrift ist ein âSprachgebilde, das verschiedene, jeweils mit bestimmten Kulturfunktionen verbundene Ausdrucksstufen annehmen kann.âcite-ref-15[15] Sie ist ein Zeugnis der Semioralität, an dem sich Rezeptionsprozesse kultureller Werte und Normen aufzeigen lassen. Die Handschriften stammen aus dem Elsass und aus Lothringen und werden in drei Typen unterschieden.cite-ref-16[16] Die Handschrift des François Juving von 1848 ist beispielsweise dem persĂśnlichen Typus zuzuordnen. An seiner Liedauswahl lassen sich Alltag und Lebensweg des Autors verfolgen. Auch Probleme, Enttäuschungen und Hoffnungen oder Problembewältigung werden am Inhalt der gewählten Lieder sichtbar, wie in der Handschrift der Marie Feigenspann (1867). Solche Aufzeichnungen haben die Funktion eines Selbstgesprächs und der Identitätsarbeit, in dem sich Schreiber mit den zu erfĂźllenden Rollen und Verhaltensnormen auseinandersetzen. Der kommunikative Typus wurde hingegen gezielt fĂźr den bzw. im zwischenmenschlichen Kontakt angelegt. Die Liedaufzeichnungen spiegeln die Sozialisationswege ihrer Autoren wider und zeichnen sich durch kreative Textmodifikationen aus, durch die eigene Meinungen kommuniziert wurden. An den Liedern des Franz Lang von 1830 lässt sich sein Lebensweg vom Junggesellen bis zum Familienvater verfolgen und die untypische Auswahl der Henriette Steiner (1900â1918) dokumentiert vor dem Hintergrund der historischen Situation den Ausbruch einer Frau aus dem damals Ăźblichen Rollenverhalten. Der anonyme Typus schlieĂlich ist als Ausschnitt des in seiner Zeit anerkannten und fĂźr erstrebenswert erachteten Liedschatzes zu betrachten, es sind Kollektionen, die die bĂźrgerliche Allgemeinbildung ihrer Autoren dokumentieren. Das Repertoire entspricht daher dem der damals erhältlichen gedruckten Liedsammlungen. Es handelt sich um eine passive Liedrezeption, während die beiden ersten Typen eine aktive Liedaneignung dokumentieren. Wie die Analysen der Liedtextmodifikationen dieser beiden Handschriftentypen zeigen,cite-ref-17[17] wird kollektives Wissen reflektiert: Geschichtsbilder werden analysiert, Vorurteile werden abgebaut, ideologische Werte entwertet und die im Liedgut vermittelten gesellschaftlichen Verhaltens- und Denkweisen Ăźberdacht.
Deutsche Volkslieder sammelte seit 1914 das Deutsche Volksliedarchiv, das 2014 im Zentrum fĂźr Populäre Kultur und Musik der Universität Freiburg aufging.cite-ref-18[18] Das Ăsterreichische Volksliedwerkcite-ref-19[19] ist seit 1904 fĂźr die Sammlung Forschung und Vermittlung von Volksliedern zuständig.
In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Volkslieder in vĂślkischer Absicht gepflegt und gesammelt; so entstand etwa eine umfassende SĂźdtiroler Volksliedsammlung, die im Auftrag des SS-Ahnenerbes in den Jahren 1940â1945 erhoben wurde.cite-ref-20[20]
Der Volksliedforscher Ernst Klusen sammelte niederrheinische Volkslieder. Seit 1949 sammelte Sepp Gregor europäische und auĂereuropäische Lieder aus Ländern, in denen europäische Sprachen gesprochen werden. Nach seinem Tode hat diese Aufgabe die Gesellschaft der Klingenden BrĂźcke e. V. in Bonn Ăźbernommen.cite-ref-21[21]
Siehe auch
Quellensammlungen
⢠Achim von Arnim, Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. 1806â1808. Neudruck: Albatros, 2008; ISBN 978-3-491-96218-7.
⢠BÊla Bartók: Das Ungarische Volkslied. In: D. Dille (Hrsg.): Ethnomusikologische Schriften. Mainz 1965.
⢠Otto von Greyerz: Historische Volkslieder der deutschen Schweiz. Leipzig 1922.
⢠Bernhard Martin: Alte Lieder aus dem Hinterland. 76 Lieder mit Noten, Hrsg. Kreisausschuà des Landkreises Biedenkopf, Wetzlarer Verlagsdruckerei GmbH, Wetzlar 1964.
⢠J. Gregor, F. Klausmeier (Hrsg.): Europäische Lieder in den Ursprachen. Band 1, Berlin 1966.
⢠Johann Gottfried Herder: Stimmen der VÜlker in Liedern. 1778 f., Neudruck: Reclam, Stuttgart 2001, ISBN 3-15-001371-2.
⢠Ernst Klusen: Die Windmßhle. Niederrheinische Volkslieder. Bad Godesberg 1955.
⢠Hein und Oss KrÜher: Das sind unsere Lieder. Ein Liederbuch. Zeichnungen von Gertrude Degenhardt. Bßchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1977, ISBN 3-7632-2136-0.
⢠Thomas NuĂbaumer, Franz Posch (Hrsg.): So singt Ăsterreich. Innsbruck 2012, ISBN 978-3-7066-2515-9.
⢠Charlotte Oberfeld und andere (Hrsg.): Brßder Grimm: Volkslieder. 1985.
⢠Bernd Pachnike (Hrsg.): All mein Gedanken â Deutsche Volkslieder. Leipzig 1980, ISBN 3-596-22963-4.
⢠Julius Maximilian Schottky, Franz Ziska ([so in der 1. Auflage geschrieben] / Franz Tschischka [so in der 2. Auflage]): Oesterreichische Volkslieder mit ihren Singeweisen. Pest 1819; 2. Auflage (hier Singweise geschrieben) ebd. 1844. Nachdruck der 1. Auflage Wien 1969 (mit biographischem Nachwort von Leopold Schmidt).
⢠Friedrich Leonard von Soltau: Ein Hundert deutsche historische Volkslieder. Leipzig 1836.
⢠Wolfgang Steinitz: Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus 6 Jahrhunderten. 2 Bände. Berlin 1953, 1956.
⢠Ludwig Tobler: Schweizerische Volkslieder. (PDF) Frauenfeld 1882.
⢠Ludwig Uhland: Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder. 1844.
⢠Georg Wehr (Hrsg.): Aus Volkes Herz und Mund Deutsche Volkslieder. R. Voigtländer Verlag, Leipzig 1910.
⢠Der Zupfgeigenhansl. Leipzig 1913. Nachdruck: 1982, ISBN 3-7957-4002-9.
⢠Zupfgeigenhansel: Es wollt ein Bauer frßh aufstehn. 222 Volkslieder. Herausgegeben und bearbeitet von Zupfgeigenhansel Erich Schmeckenbecher und Thomas Friz. Pläne 1978.
Literatur
⢠BĂŠla BartĂłk: Das Ungarische Volkslied. In: D. Dille (Hrsg.): Ethnomusikologische Schriften â Faksimile Nachdrucke. Mainz 1965.
⢠Max Peter Baumann: Volkslied. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
⢠Hartmut Braun: Volksmusik: eine Einfßhrung in die musikalische Volkskunde. Kassel 1999.
⢠Rolf Wilhelm Brednich, Lutz RÜhrich, Lutz und Wolfgang Suppan (Hrsg.): Handbuch des Volksliedes. 2 Bände. Mßnchen 1973.
⢠Christian Kaden: Musiksoziologie. Berlin 1984. Wilhelmshaven 1985, ISBN 3-7959-0446-3.
⢠Eva Kimminich: Chanson und Volkslied. Repression und Konkurrenzen einer Gattung im Frankreich des 19. Jahrhunderts. In: Nils Grosch (Hrsg.): MusikTheorie, Heft 4/2010: Musik in der Mediengeschichte, S. 314â327.
⢠Ernst Klusen: Volkslied. Fund und Erfindung. KÜln 1969.
⢠A. Matthias (Hrsg.): Das deutsche Volkslied. Auswahl. Verlag Velhagen und Klasing, Bielefeld / Leipzig 1899.
⢠Wolfgang Suppan u. a.: Volksgesang, Volksmusik, Volkstanz. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG, 1. Auflage), Band 13, 1966.
⢠Walter Wiora: Europäische Volksmusik und abendländische Tonkunst. Kassel 1957.
Weblinks
Wiktionary: Volkslied
â Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
Wikisource: Volkslieder
â Quellen und Volltexte
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⢠Johannes Moser: Ansätze zu einer neueren Volksliedforschung. (PDF; 1,1 MB) 1989.
⢠Otto Holzapfel: Die ältere deutschsprachige populäre Liedßberlieferung. Online-Fassung = Update Januar bis März 2022 = Germanistik im Netz / GiNDok [UB Frankfurt/M] = http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/ files = Liedverzeichnis = Update 2023 "www.ebes-volksmusik.de" (obere Adressleiste des Browsers).
Einzelnachweise
cite-note-11. â Johann Gottfried Herder: Auszug aus einem Briefwechsel Ăźber OĂian und die Lieder alter VĂślker in: Von deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blätter. Bey Bode, Hamburg 1773
cite-note-22. â Thomas Percy: Reliquies of Ancient English Poetry. J. Dodsley, London (1765)
cite-note-33. â Georg Gottfried Gervinus: Geschichte der deutschen Dichtung. Zweiter Band. W. Engelmann, Leipzig 1853, Seite 252 ff. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
cite-note-44. â Volkslied. In: Hugo Riemann (Hrsg.): Musik-Lexikon. 1. Auflage. Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig 1882, S. 982 (Textarchiv â Internet Archive).
cite-note-55. â Alfred GĂśtze: Das deutsche Volkslied. 1929
cite-note-66. â Tom Kannmacher: Das deutsche Volkslied in der Folksong- und Liedermacherszene seit 1970. In: Jahrbuch fĂźr Volksliedforschung 23, 1978. S. 38.
cite-note-77. â Hartmut Braun: Volksmusik: eine EinfĂźhrung in die musikalische Volkskunde. Kassel 1999
cite-note-bbuv-88. â BĂŠla BartĂłk: Das Ungarische Volkslied. In: D. Dille (Hrsg.): Ethnomusikologische Schriften, Faksimile-Nachdrucke. Mainz 1965.
cite-note-99. â Wolfgang Suppan: Volkslied: seine Sammlung und Erforschung. Metzler, Stuttgart 1968, 2. durchgesehene und ergänzte Auflage 1978. ISBN 3-476-12052-X
cite-note-1010. â Christian Kaden: Musiksoziologie, Berlin 1984 (auch: Heinrichshofen 1985)
cite-note-1111. â Walter Wiora: Europäischer Volksgesang
cite-note-1212. â Wilhelm Tappert: Wandernde Melodien. Eine musikalische Studie. 2. Auflage. Brachvogel & Ranft, Berlin 1889, S. 7â10 (Textarchiv â Internet Archive).
cite-note-1313. â Hans Renner: Grundlagen der Musik. 8. Auflage. Reclam, Stuttgart 1969, S. 84 ff. Hans Renner: Geschichte der Musik. 8. Auflage. DVA, Stuttgart 1985, S. 345: â[Haydns] letztes schĂśnstes Lied, die Weise zu âGott erhalte Franz den Kaiserâ [âŚ] hat eine weitverzweigte Ahnenreihe [âŚ], die sich bis auf ein uraltes bĂśhmisches Prozessionslied zurĂźckfĂźhren lässt.â (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
cite-note-1414. â Eva Kimminich: Erlebte Lieder. Eine Analyse handschriftlicher Liedaufzeichnungen des 19. Jahrhunderts. Gunter Narr, TĂźbingen 1990, ISBN 3-8233-4237-1.
cite-note-1515. â Eva Kimminich: Erlebte Lieder. Eine Analyse handschriftlicher Liedaufzeichnungen des 19. Jahrhunderts. Gunter Narr, TĂźbingen 1990, ISBN 3-8233-4237-1, S. 145.
cite-note-1616. â Eva Kimminich: Erlebte Lieder. Eine Analyse handschriftlicher Liedaufzeichnungen des 19. Jahrhunderts. Gunter Narr, TĂźbingen 1990, ISBN 3-8233-4237-1, S. 26â36 und 97â100.
cite-note-1717. â Eva Kimminich: Erlebte Lieder. Eine Analyse handschriftlicher Liedaufzeichnungen des 19. Jahrhunderts. Gunter Narr, TĂźbingen 1990, ISBN 3-8233-4237-1, S. 111â144.
cite-note-1818. â Zentrum fĂźr Populäre Kultur und Musik an der Universität Freiburg
cite-note-1919. â Ăsterreichisches Volksliedwerk
cite-note-2020. â Universität Regensburg: Sammlung von Volksliedaufnahmen (1940â1945).
cite-note-2121. â Die Klingende BrĂźcke â Lieder in allen Sprachen Europas